SPD Wilmersdorf-Süd

#OffenesOhrFürDich

„1914/2014 Europa und der Krieg“ – Der Bericht

Veröffentlicht am 10.12.2014 in Abteilung

– Podiumsdiskussion mit Dr. Jan Behrends, Dr. Fritz Felgentreu, MdB und Dr.
Ute Finckh- Krämer, MdB; Moderation Florian Dörstelmann am 14. November 2014

In der Begrüßung wies unser Abteilungsvorsitzender Florian Dörstelmann darauf hin, dass mit der – öffentlichen – Podiumsdiskussion die SPD- Abteilung Wilmersdorf- Süd eine Veranstaltungsreihe beginnen will, mit der in unserem Abteilungsgebiet in einem breiteren Rahmen wichtige politische Themen nicht nur im Kreis der Partei, sondern auch mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern aus unserem Kiez diskutiert werden sollen, In dieser ersten Veranstaltung, an der rund 40 Besucherinnen und Besucher, unter ihnen auch einige Nichtmitglieder, teilgenommen haben, wurde der Frage nachgegangen, ob Europa nach zwei Weltkriegen und vierzig Jahren kaltem Krieg in einem Jahrhundert des Friedens angekommen ist oder an der Schwelle zu neuen Konflikten steht. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in der Ost- Ukraine und an der Südgrenze der Türkei sowie in der Bedrohung durch den IS- Terror stellt sich heute die Frage, wie explosiv die Lage an den Grenzen Europas ist und was die EU als Friedensmacht dagegen halten kann.

Hierzu diskutierten unter der Moderation von Florian Dörstelmann Dr. Jan Behrends, Historiker am Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam, Dr. Fritz Felgentreu, MdB, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Kriegsgräberfürsorge sowie Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestags, und Dr. Ute Finckh- Krämer, MdB, Friedensforscherin sowie Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages. Eingangs las Katrin Hagemann Auszüge aus Tagebüchern des 1. und 2. Weltkrieges sowie des Krieges in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens in den 1990er Jahren vor.
Dr. Jan Behrends zitierte zu Beginn seines Beitrages aus dem Buch „Die Schlafwandler“ , in dem dargestellt wird, wie die Großmächte in den 1. Weltkrieg rutschten und vermittelte damit auch einen neuen Blick auf den 1. Weltkrieg. Im Gegensatz zur heutigen post- heroistischen Gesellschaft herrschte damals Patriotismus, Nationalstolz, Heroismus und Begeisterung in der Bevölkerung vor.
Im Vergleich 2014 zu 1914 gibt es in unserer Gesellschaft somit deutliche Unterschiede, wobei durchaus das Wort „Krieg“ sofort Assoziationen zum 1. und 2. Weltkrieg aufkommen lässt und Ängste hervorruft.
Mit dem Wort „Krieg“ wird somit auch „Politik“ gemacht. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass bei uns für den Ukrainekrieg das Wort „Konflikt“ verwandt wird, denn Kriege lösen auch
Bündnispflichten aus. Unabhängig von einer konkreten Kriegssituation in Westeuropa hat in den letzten 70 Jahren das westliche Bündnis in Westeuropa Frieden garantiert.

Auf die aktuelle Situation in der Ukraine eingehend, erläuterte Dr. Jan Behrends, dass der russische Präsident Wladimir Putin den Krieg in Ukraine für die Legitimation seiner Macht benötigt und Teil seines Kultes ist, nach außen Stärke zeigen, um die inneren Probleme Russlands zu kaschieren.
Dr. Fritz Felgentreu führte aus, dass die Sanktionen gegen Russland von Westeuropa sehr klug gewählt worden sind, da sie personenbezogen sind und damit auch die Verantwortlichen konkret benennen.
Nach seiner Einschätzung wird es jedoch eine Wiederholung des kalten Krieges nicht geben. Er geht davon aus, dass Russland austestet, wie weit es gehen kann.
Einen breiten Raum seiner Ausführungen nahm die Frage ein, wie sich die künftige Zusammenarbeit mit Russland gestalten lässt. Westeuropa ist verpflichtet zu gutem Miteinander, um den Frieden zu garantieren; allerdings werden sich die Staaten von Russland auch nicht für Dumm verkaufen lassen.
Diese Situation beeinflusst, obwohl Russland kein Interesse an einen IS- Staat hat, auch den Schulterschluss Westeuropas mit Russland gegen den IS.
Dr. Ute Finckh- Krämer begann ihre Ausführungen mit einem Verweis auf ihre Biografie als gewaltfreie Aktivistin in Jugendjahren und als bekennende Pazifistin. Sodann führte sie einen historischen Diskurs zur Friedens- bzw. Kriegssituation in Europa nach dem 2. Weltkrieg.

Nach ihrer Einschätzung war in den 1970er und 1980er Jahren die damalige Bundesrepublik beim Vertrag über den Einsatz von Mittelstreckenraketen im Nato- Bündnis ein Wackelkandidat, da die Gefahr bestand, dass Ost und West aufeinander schießen müssten (sozusagen auf die eigen Verwandten).
Die damals im Zusammenhang mit dem Nato- Doppelbeschluss aufkommende Friedensbewegung in Europa (Niederlande, Belgien, Italien) führte zu einer starken Zivilgesellschaft am Ende des Kalten Krieges.
Die dann nach dem Zerfall des Ostblocks ausgelösten Kriege in einigen ehemaligen Ostblockstaaten führten, wie z.B. in Bosnien zu unendlichem Leid in der Zivilbevölkerung. Auch im Kaukasus Konflikt von 1988 bis 2014 hat der Krieg an Brutalität zugenommen und sich verändert. Nach Einschätzung von Dr. Ute Finckh- Krämer ist der Zerfall von Staaten in viele kleine Staaten auch nicht die Lösung.
Zum Konflikt mit Russland führte sie ein Beispiel aus Estland an. Hier sind die Russen nur geduldet und keine vollberechtigten Bürger. Diese werden sie nur, wenn die Russen die estnische Sprache erlernen bzw. sprechen. Als positives Beispiel setzte sie dagegen die Schweiz, in der in der Schule bereits die französische und deutsche Sprache erlernt wird und somit eine sprachliche Gleichberechtigung besteht. Insgesamt sieht Dr. Ute Finckh- Krämer, dass ein Import des Ukraine- Konfliktes nach Europa durch Russland möglich ist.

Der Konflikt mit dem IS ist ein Konflikt an der Grenze zu Europa. Problematisch ist dabei, dass mit dem türkischen Präsidenten Erdogan in der Türkei „ein kleiner Putin“ an der Macht ist und Personenkult herrscht.
Einen kurzen Überblick gab Dr. Ute Finckh- Krämer auch zu den USA, die in den 1960iger und 1970iger Jahren „ihren“ Krieg in ihrem Hinterhof Lateinamerika geübt haben, um dabei die eigenen Interessen durchzusetzen, in dem sie Waffen geliefert und die jeweilige (konservative) Opposition gestärkt haben.
Erfreulich ist jedoch festzustellen, dass es in jeder Gesellschaft Interessenvertretungen gibt, die für Gewaltfreiheit stehen, auch in Afghanistan und in den arabischen Ländern. Dabei liegen die besten Voraussetzungen in Tunesien vor. Garant für die positive Entwicklung (im Sinne für die Zivilbevölkerung) eines Staates /Regierung ist die Garantie der Teilhabe für alle Bürger (Partizipation). Es kommt dann allerdings unweigerlich zu eskalierenden Konflikten, wenn eine Regierung einer bestimmten Personengruppe Zugeständnisse macht.

In der anschließenden engagierten Diskussion wurden die folgenden Punkte angesprochen:
1. Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge und es gilt diese Lüge rechtzeitig zu entlarven, damit sich daraus kein Flächenbrand entwickeln kann
2. Die Autonomie- Bewegungen: z.B. Katalanen in Spanien können Konfliktpotenzial beinhalten, das nicht nur auf die jeweilige Region beschränkt bleibt
3. Durch den Zuzug vieler Ausländer, insbesondere auch aus Konfliktregionen, können sich diese Konflikte schnell auch hier entladen. Deshalb werden dringend Konzepte zum Umgang mit möglichen Konflikten gefordert.
Zusammenfassend stellten alle Podiumsteilnehmer fest, dass wir heute in Europa noch an den territorialen Grenzen die Problem abarbeiten müssen, die der 1. Weltkrieg hinterlassen hat. Insofern gibt es über die historische Betrachtung hinweg auch immer noch einen aktuellen Bezug zwischen 1914 und 2014.

Die Veranstaltung wurde von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern als sehr hochkarätig und inhaltlich anspruchsvoll angesehen und hat eine gute Voraussetzung für Folgeveranstaltungen in dem
Format einer öffentlichen Veranstaltung geschaffen.

Instagram

Facebook

Mitglied werden

Florian Dörstelmann